Positionen zur Farbfotografie
- Das Menschenbild

 

30.5. - 29.6.1999

 

AMI - Andrea Baumgartel/ Michael Witte

Sibylle Bergemann

Bettina Hoffmann

Matthias Leupold

Ute Mahler

Olaf Martens

Hans Pieler

Jens Rötzsch

 

Katalog und Bilder
- der Katalog enthält auch den 1. Teil der Ausstellungsreihe

 

Wahrheit in der Farbe

Perspektiven und Personen - aktuelle Farbfotografie

 

Was für Zeiten, als es noch Wahrheit gab; deutlich unterschieden von der Unwahrheit: goldene schwarz-weiße Zeiten. Heute ist Farbe angesagt, überall, und im Zeichen der Postmoderne hat sich die Vorstellung von der Wahrheit der Wahrheit aufgelöst - heute herrschen Wahrheiten mit unterschiedlich legitimierter Glaubwürdigkeit. Was das mit der Fotografie und mehr noch mit der Farbfotografie zu tun hat? Es gab eine Zeit nach den ersten, ausschließlich schwarz-weißen Anfängen der Fotografie, da bestand die Welt der Fotografie vornehmlich aus den vorherrschenden Farben, die Kodak aus Rochester/New York vorgab. Fotografieren von Wirklichkeit meinte, daß dem Fotografen, und mit ihm den Betrachtern seiner Bilder, die Welt nicht in den Farben der Wirklichkeit sondern in den von Kodak vorherrschenden erschien: kräftig im Bereich des Rot, Blau Purpur, weniger intensiv im Grün und Braun. Und da die Wahrheit immer mit der Macht verbandelt ist (denken wir an Zeiten, als noch die Kirche oder dann die absoluten Herrscher die Obwalter einziger Wahrheit waren), hatte das etwas mit existierter monopolistischer Farbmacht zu tun. Heute haben Fuji, Polaroid und andere Firmen die Vorherrschaft dieses Monopolisten gebrochen.

Entscheidend verändert haben sich auch die Verarbeitungsprozesse in der Farbfotografie. Zum einen sind die Prozesse inzwischen weiter technisiert und normiert worden, zum anderen lassen sie für den ästhetisch arbeitenden Fotografen größere Verarbeitungsspielräume zu. Das beginnt mit der Entscheidung für bestimmte Filmtypen, die immer noch je nach Marke ihre speziellen Charakteristika haben und nach wie vor alles andere als neutral oder objektiv sind, und führt über die Bestimmung der Farbtöne beim Vergrößern oder am digitalen Rechner bis zu gesteuerten Abweichungen in der Verarbeitung ("Cross-over", Maskierung etc.). Die Verarbeitung der Farbe ist, kurz gesagt, demokratisiert worden, wie die Wahrheit auch, um die Verbindung zum Ausgangsgedanken wieder herzustellen. Heute hat keiner mehr ein Wahrheits- oder Farbmonopol, auf keiner Ebene. Die Farbfotografie von heute macht auch keinen Unterschied mehr zwischen Ost und West, international genausowenig wie in Deutschland, wo überlange Jahre Wolfen und Leverkusen die Differenzen ausmachten. Wie zu keinem Zeitpunkt vorher können heute individuelle Akzente gesetzt werden. Darin liegt die Chance der aktuellen Farbfotografie und auch der Grund, warum die Farbfotografie nicht nur im kommerziellen und gewerblichen Bereich, wo sie inzwischen unverzichtbar geworden ist, sondern ebenso im freien künstlerischen Bereich weite Verbreitung gefunden hat, wobei die neuere Labortechnik, insbesondere die Möglichkeit, große Formate herstellen und kaschieren lassen zu können, zusätzlichen Anreiz für die Künstler bietet. Eröffnet das doch Ausdrucksformen, die den kunstgeschichtlich tradierten bildmäßigen Aufmachungen in nichts nachstehen. Da es keine verbindlichen Vorgaben mehr gibt, weder ästhetische noch ideologische, macht es mit Blick auf die aktuelle Fotokunst entschieden Sinn, von "Positionen der Farbfotografie" zu sprechen. In Verbindung mit einer Ausstellungsreihe signalisiert dieser Titel zugleich, daß keine umfassende, auf Vollständigkeit hin orientierte Präsentation gezeigt werden soll oder gar erwartet werden darf.

 

Perspektiven

Die in einer ersten Ausstellung zusammengestellten Positionen orientieren sich auf unterschiedliche Weise an der Frage, wie die fotografierenden Künstler heute mit dem Real- und dem Bildraum umgehen. Das berührt den Umgang mit der Perspektive, also die bildnerische Gestaltung von Dreidimensionalität auf der zweidimensionalen Fläche. Nachdem mit der Etablierung der Perspektive während der Renaissance formal wie ideologisch ein weitreichendes Darstellungsschema fundiert worden ist, das die Seh- und Denkweisen bis heute bestimmt, erleben wir seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert die Dekonstruktion der Perspektive: im Alltag wie in der bildenden Kunst. Die entsprechenden kunstgeschichtlichen Bilder stehen uns vor Augen. Sie kontrastieren die gleichzeitig weiter existierenden Perspektivansichten. Die Geschichte fotografischer Bilder, für die aus technischen Gründen das Perspektivische inhärent ist (schließlich ist die Entwicklung der Perspektive mit den Gesetzmäßigkeiten der Optik auf das engste verknüpft), macht da keine Ausnahme, auch sie verzeichnet vergleichbare Beispiele der Auflösung und Elimination des Raumes, die totale Dekonstruktion der Perspektive.

Personen

Läßt sich für den Bereich der künstlerischen Farbfotografie ein generelles Abrücken von der konventionellen Perspektive konstatieren, so haben die figurativen Bilder durch die moderne Farbfotografie nicht nur eine Erneuerung erfahren, sondern wie es aussieht, vollzieht sich gerade hier der legitime Fortgang des Figurenbildes in der Kunst. Wo die konventionellen Medien der bildenden Kunst sich schwerer und schwerer mit der Darstellung des Menschen und seinem Interagieren tun, eröffnen die neuen Möglichkeiten der Farbfotografie zeitgemäße bildnerische Auseinandersetzungen. Geradezu evident sind Matthias Leupolds figurative Inszenierungen klassicher Bildthemen. Seine kunstgeschichtlichen Reminiszenzen an Lucretia und die Schutzmantelmadonna spielen mit dem Verhältnis von Tradition und Moderne: aus der Malerei ist heute Fotografie geworden, aus den alten Themen heutige Übertragungen mit heutigen Personen. Das schafft Verwirrung. Seine Personeninszenierungen zeigen unseren Alltag ebensowenig wie die von Olaf Martens inszenierten Gruppenbilder. Diese habe im Kern einen eher an der modernen Werbung orientierten Hintergrund. Doch selbst wenn sie wie das Gruppenbild mit den Atemmasken tragenden Frauen auf den ersten Blick befremdlich wirken, und obwohl damit zeitgemäße Arbeitskleidung vorgestellt werden soll, haben wir es mit modernen Gestalten zu tun. Wo einst die Bibel für die Themen sorgte, von Matthias Leupold als Referenz genommen, da kreieren jetzt die internationalen Werbeagenturen die Prototypen unserer Tage: kantiger, schriller, geschlechtsbetonter, trendyer.

Das eine wie das andere hat etwas mit Glauben zu tun, im streng religiösen wie im verwandelt ideologischen Sinn. Vom Glauben zur Glaubwürdigkeit und zur Wahrheit sind es nur graduelle Unterschiede. Glauben wir an diese Bilder, sind sie glaubwürdig, oder gar wahr? Für Bettina Hoffmann stellt sich diese Frage so erst gar nicht mehr, wenn sie ihre Szenen mit der Kamera und dem Computer inszeniert. Angesicht ihrer, kunstgeschichtlich dem Genre nahestehenden, Bilder werden wir noch einmal vergewissert, daß die digitale Fotografie mit ihren forcierten Montagemöglichkeiten endgültig die Glaubwürdigkeit der Fotografie zerstört hat. Denn nach langwährender gleichwohl aber irriger Annahme, die Fotografie liefere wahre Bilder, zumindest in Bezug auf den real existierenden Vorwurf (nach der Überzeugung der Zeitzeugen der jungen Fotografie bildete sich die Natur selbst ab), ist das Axiom fotografischer Wahrheit jetzt grundlegend erschüttert. Bettina Hoffmans inszenierte Szenen unterstellen diesen Vertrauensverlust schon gar nicht mehr, sondern setzen ihn als gegeben voraus. Nicht der augenfällige Umstand, daß sie alle beteiligten Personen selbst verkörpert, soll den Betrachter frappieren, sondern die weiterreichende Frage nach möglichen Handlungszusammenhängen, nach den Motiven und Abläufen der abgebildeten Interaktionen im Kontext sozialen Lebens und - als eine Grundfrage - menschlicher Identität.

In vergleichbarer Nähe zu den abgebildeten Personen, aber ganz die besonderen farblichen Eigenschaften des Polaroidmaterial in das gestalterische Kalkül einbeziehend, hat Sibylle Bergemann in ihrer Arbeit "Sonnenuhr" ein Kompendium farblich nuancierter und psychologisch einfühlsamer Schauspielerporträts fotografiert. Wie aus einer fremden, vergangenen Welt entstiegen begegnen uns Ulrike und Stephan, zwei der Bühnenkünstler des Berliner Behindertentheaters "Ramba Zamba" in ihren mondänen Kostümierungen. Wo früher die Kontrastierung von Schwarz-Weiß für das Psychologische eingesetzt wurde, kreieren jetzt die fotografischen Farben mit ihren befremdlichen Klängen individuelle Rollenpsychologie. Die Farben verdeutlichen, daß die beiden Porträtierten nicht in ihrer persönlichen sondern ausdrücklich in ihrer Rollenindividualität erscheinen. Genauso, wie hier das Farbmaterial mit seinen spezifischen Eigenschaften kongruent auf ein Thema angewendet wird, reizen Hans Pieler und Jens Rötzsch die heutigen technischen Möglichkeiten der reinen Fotografie bis an deren Grenze aus. Zugleich bleiben sie im real existierenden Leben. Alle positiven Eigenschaften der Kamera-Film- und Lichttechnik nutzend hat Hans Pieler nach der deutsch-deutschen Wiedervereinigung in seiner Serie "Zu Hause in Neufünfland" ein Porträt der Übergangszeit fotografiert. In seinen Panoramen agieren reale Personen in ebenso realen Wohn-und Lebensräumen, jedes Detail hat seinen Wert, seine historische Dimension, die mit dem zeitlichen Abstand wächst und wachsen wird. Ein nicht minder genauer Beobachter ist Jens Rötzsch mit seinen Porträts offizieller Ereignisse wie die Wagnerspiele in Bayreuth. Mit der beweglichen Mittelformatkamera und mobilem Blitz ausgerüstet hat er entscheidenden Momenten aufgelauert, wobei der aufhellende Blitz die Farben des Ereignisses für den Bildbetrachter noch greller hervortreten läßt, als das dem puren Augenschein vergönnt wäre. Bei Hans Pieler wie Jens Rötzsch betrachten wir das wahre Leben, das sich aber nicht in stumpfer Manie selbst abbildet, sondern in der ironisch-giftigen Sichtweise zweier sensibler Beobachter, wobei die Farben einen gewichtigen Part der Interpretation übernehmen. Unverhohlen in der fotografischen Tradition bewegt sich auch Ute Mahler mit ihren Farbporträts. Wenn sie den Literaten Volker Plenzdorf oder den Schauspieler Erwin Geschonneck in Farbe porträtiert, dann darf man das als Alternative zu auch denkbaren, scharf konturierten Schwarz-Weiß-Porträts ansehen, und muß den Farben interpretierende Funktion zusprechen.

Während die Mehrzahl der vorgestellten Farbarbeiten in Kooperation der Bildautoren mit Fachlabors ihres Vertrauens entstanden sind, spielen Andrea Baumgartl und Michael Witte, die seit Jahren zusammenarbeiten und unter dem gemeinsamen Kürzel AMI firmieren, gerade die Freizügigkeiten der labortechnischen Prozesse aus. In ihren im eigenen Labor entstehenden Fotoarbeiten negieren sie die fotografische Schärfe und verlagern so -unabhängig davon, ob sie in Schwarz-Weiß oder in Farbe arbeiten -den gestalterischen Prozeß auf die Konturierung einfacher, alltäglicher Formen und die Nuancierung von Valeurs. An die Stelle von Präzision setzen sie Grundmuster elementaren Lebens. Der durch das Arbeiten im eigenen Labor untermauerte Individualismus findet in den Porträts der Beiden seine gestalterische Form. Es bleibt zwar offen, ob es sich um echte Selbstbildnisse handelt oder ob sie sich gegenseitig porträtiert haben (beides wäre denkbar), an der Akzentuierung des Individuums kann aber kein Zweifel aufkommen. Und mit einer gewissen Berechtigung dürfen in ihren, in den Farben gebrochenen Bildnissen pointierte Bestätigungen für die eingangs konstatierte Demokratisierung des Farbbildes gesehen werden, als bildhafte Statements, daß die Individuation nach wie vor den Kern der Kunst ausmacht und nicht die Technik, einerlei ob digital oder analog gegründet wird. Ihre schlichten Personenporträts, die ihren Wert an sich haben, bekräftigen die Macht des Individuums.

Enno Kaufhold

 

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