Dieser Brief wurde als Grußwort an Longest F Stein geschrieben, anläßlich des 10-jöhrigen Bestehens der Galerie Treptow, die 1992 aus der Puschkinallee in Alt-Treptow verschwand, im Studio Bildende Kunst in Berlin Baumschulenweg Unterkunft suchte, und sich heute auf wundersame Weise im Konzept der Galerie in der Alteten Schule, dem Kunst- und Medienzentrum Adlershof (KMZA) wiederfindet.

 

Lieber Longest, 

ich freue mich, daß Du heute meine Nachfolge schätzt, obwohl Du seinerzeit sehr verblüfft warst als man mich eingestellt hat. Denn, schließlich warst Du ja so etwas wie der Yankee an König Artus Hof von Mark Twain: Mit Leichtigkeit hättest Du wie jener einen "Adelstitel" oder andere heldenhafte Titel erwerben können, (sieh an) und das hätte Dich in aller Augen ein gutes Stück gehoben, sogar in denen des Königs, der ihn verlieh. Aber Du batest nicht darum, und Du lehntest ab, als man ihn Dir anbot. (hm, hm) Bei Deinen Ansichten hätte Dir so etwas keine Freude gemacht, und es wäre Dir sowieso nicht recht gewesen, ... Wirklich auf befriedigende Weise erfreut, stolz und gehoben durch einen Titel hättest Du Dich nur dann gefühlt, wenn er vom Volke selbst, der einzigen legitimen Quelle, verliehen worden wäre; (na eben) einen solchen hofftest Du zu gewinnen, und im Laufe von jahrelangen ehrlichen und ehrenhaften Bemühungen gewannst Du ihn auch tatsächlich (herzlichen Glückwunsch) und trugst ihn mit großem und reinem Stolz.

Danach wurdest Du nie mehr mit einer anderen Bezeichnung genannt, weder in den Gesprächen des Volkes noch bei ernsthaften Staatsdebatten im Rate des Herrschers

L 0 N G E S T - eine Instanz, die ihre Weisheiten ziemlich unverblümt von sich gab: "Aber Mäusel, das Pubslikum ist doch- dumm. Das klang wie ein Schlachtruf im Kampf gegen bierselige Jugendclubkultur und stramme Bürgerpolitik. Deine Pionierarbeit in der Interessenvermittlung zwischen Kunstproduktion und -rezeption war Schwerstarbeit - oft am Rande gesetzlicher Möglichkeiten und des guten Geschmacks. Die Galerie Treptow war eine Galerie der "Aktivisten" gewesen. Aber es war eine Estrade der Besten. Entertainment für die Eingeweihten und Suchenden an den Rändern der Deutschen Demokratischen Republik. Unter Baulampen trafen sich die Kunstinteressierten mit denLiteraturinteressierten bei Cola-Weinbrand und Wein. Ein warming - up für den demokratischen Anspruch. Ob Wenzel & Mensching, die Bolschewistische Kurkapelle, Hansi Noack oder Leihbergs Overheads - die Galerie hatte ihr Publikum. Zwischen alten Polstergarnituren und Furnier kam Stimmung auf, die den Gemeinsinn stärkte und über die Ländergrenzen zog. Freundschaft siegt, Freundschaft siegt.. Bis heute zieht es viele in das alte Kreiskulturhaus. Die meisten kommen wegen der Erinnerung oder deshalb, weil sie eben keine haben. Irgendwie scheint die Verschlafenheit im Abseits der kulturellen Betriebsamkeit immer wieder Anziehungskraft zu entwickeln. Wie damals Longest, als Du begonnen hast, "junge Kunst" zu zeigen, drängen sich an den peripheren Orten die zaghaften Kräfte der Veränderung. Denn im Grunde war es unvorstellbar, daß Else Gabriel, Knöfel und Rainer Görß im sozialistischen Auftrag ausgestellt haben. Heute ist das Kulturamt Berlin Treptow stolz auf diese Tradition und dankt es Dir. Immerhin hast Du inzwischen den mühevollen Transit in den Overground geschafft Soweit das für kommunale Galerien (nur sehr wenige sind auserwählt) überhaupt möglich ist, habt Ihr im Studio einen fast musealen Standard geschaffen. Ihr arbeitet gut an der Fundierung künstlerischer Werte, auch wenn den wartenden Treptowern an der Bushaltestelle noch das Verständnis fehlt. Ein Unwetter hat schon so manches bewegt. In witterungsgeprüften Ausstellungen stählt sich die Auseinandersetzung, und es scheint sich die Verabredung zwischen Künstler und Kurator als eine eindeutige Beziehung zwischen Produktion und Rezeption aufzuklären. Eine Exhibition zum Gemeinwohl der Gesellschaft stellt sich hier als Übereinkunft zwischen Kunst und Öffentlichkeit dar. Indem sich die Kunst in einem Kontext präsentiert, dessen gesichertes Ambiente unweigerlich einen Werteanspruch im Establishment signalisiert, reduziert sich folgerichtig das widerstandsfähige Potential.Im kommunalen Auftrag sozusagen gehen diese Ausstellungen eine Servicevereinbarung ein, an deren "Professionalisierung" die Dienstleistenden zunehmend interessiert sind. Kunst vermählt sich hier eher mit einem beamteten Prestigebewußtsein und dann mit der gesellschaftlichen Zeitgenossenschaft. Denn, wenn Kunst Wirklichkeit wirklich attackiert, macht sie die wirklichen PRÄSENTATIONSORTE unmöglich, entscheidet sie sich für Orte außerhalb der bestehenden - weit entfernt vom wärmenden Licht der Glorienscheine. Eine unlösbare Tragik, der man sich im Erfolg zu stellen hat. Gerade da kann unter der Sonne der 250Watt-Scheinwerfer die junge Kunst verdorren. Im Licht der Aufmerksamkeit zu stehen, heißt dem gerecht zu werden, Schneid zu besitzen und sich generativ abzugrenzen. Ein zwangsläufiger Hochmut, der in der Kultur mit Hochkultur zu tun hat und mit dem Mut, immer weniger anzuzweifeln. Der richtige Weg ist leider der an die Spitze. Und in kommunalen Weihen ist dieser eine Gradwanderung voller Sicherheitsvorkehrungen.

In den Niederungen denke ich weiter über das Ausstellungsmachen nach. Mit dem Zusammenschluß der Galerie Treptow mit dem Studio Bildende Kunst in BerlinBaumschulenweg vereinigten sich zwei Galerien, die im Angesicht der Berliner Strukturveränderung die Kraft gehabt hätten, die verbleibende Hülle im ehemaligen KKH, wo sich bis dato die Galerie Treptow befand, zu verdrängen. Eine nicht uninteressante Strategie, Longest, und sie hätte Erfolg haben können ...
(eventuelle Anfragen bitte an Longest)
Mittlerweile gibt es die Galerie im Parkhaus, Puschkinallee 5, Berlin - Treptow seit vier Jahren. Im Schatten der Platanen und kommunaler Kulturpolitik existiert sie weiter als ein Ort von unscheinbaren Privilegien. Eine Art-Erhaltung im Code von Aschenputtel oder Dornröschen. Die alte Festung, hinter der sich die Kunst immer noch im (leider älter gewordenen) Widerstand befindet, bietet noch heute einen Schutzraum für junge Kunst, dessen unsolide Abwehrtechnik Du Dir heute allerdings nicht mehr leisten könntest. Denn heute bist Du ein Herrscher über mir geheimnisvolle Bewegungsmelder und Videoprojektoren und gleichwohl ein Weiser im fernöstlichen Gelände der Fotografiegeschichte. Zehn Jahre Galerie Treptow bedeuten einen Einblick in die Geschichte der künstlerische Fotografie, ganz besonders in die der DDR. Auch die der Quertreiber deren künstlerische Konzepte die westliche Szene später auffrischen konnten. Leider bevorzugen viele davon jetzt die Stromlinienform, jenseits der "deutschen demokratischen" Subkultur änderten sich schnell die einstigen Ansätze und Anhänger. 
Der Aufbruch einer Generation in den 80er Jahren mündete in die Veredelungsverfahren der 90er. Vom einstmaligen Zweifel ist möglicherweise Verzweiflung geblieben, weil die Etablierung nicht unbedingt mehr mit der einstigen Haltung übereinstimmt. 
Andererseits wird dort, wo Opposition selbstverständlich geworden ist, auch deren Gegenstand immer widerstandsfähiger. 
Befinden wir uns nicht alle immer-zu auf der Suche nach der Alternative? 
Die Freiräume werden spärlicher. Ganz klar, daß es dort für Galeristen und Künstler gleichermaßen sehr eng geworden ist. Die Plätze der Innovation sind abgesteckt. Wirklicher Fortschritt passiert zur Zeit im Internet. Aber leider ist die Idee einer globalen Kommunikation noch sehr exklusiv, und vor allem dem kommunalen Interesse viel zu teuer Also bleibt die Ereignisfähigkeit des heutigen Austellungsbetriebes meistens in einer Gefrierschrankatmosphäre konserviert oder auf die Feierlichkeiten der Eröffnungen beschränkt. Danach beginnt oft der Feierabend und die Kunst versinkt für die verbleibende Ausstellungszeit in die Stille - der Nichtöffentlichkeit. Vernissage ist oft Finissage und der Rest teuere Betriebskosten. Unwirtschaftlich und inaktiv. Langweilig für die Aufsichtskräfte und Betrachter?

Wo bleibt die Unterhaltung, Herr Stein? Ich las mit Vergnügen den Vortrag der bezaubernden Frau Reif und ihren sprechenden Fernsehern, angesichts der Überlegung: "Können Talkshows Menschen unterhalten, die sich nicht mehr unterhalten können?" (dargeboten am 2. Oktober 1992 im Studio Bildende Kunst Berlin Treptow) .

Die Jungs vom E-Werk antworten mit einem klaren NEIN. Dort übernehmen DJ's die Show und die interaktive Versendung von Spirit. Auf dem Dancefloor geschieht der Trance in gigantische Erlebniswelten multimedialer Umarmungen. Kunst ist partyfähig und funktioniert sich um in einen aufregenden Partyraum. Die Feier der Technoklänge ist begehbare Rauminstallation, Ausstellung, Chill Out und Forschungsfeld. Neue Kommunikationsformen werden sich öffnen .

Wir dürfen gespannt sein, denn bisher brachte diese neue Kulturtechnologie nur die Simulation neuer Welten. Aber mir gefällt die Idee, mit bekannten Präsentationsweisen zu brechen und Energien für das gemeinsame Experiment freizusetzen auch jenseits einer Festtagskultur.

Denn das Ausstellungmachen sollte eine Art Forschung sein in der sich die Teilnehmenden mit dem Unerwarteten auseinanderzusetzen haben. Man braucht die Unbekannten zum Spiel, um am Ende selbst noch überrascht zu sein, um vorhersehbare Schnittmuster zu unterwandern. Wenn sich Künstler des Parkwartverlages in ihrer Ausstellung "Die Saat' auf dem Bunsenbrenner ein paar Eier kochten, gehörte das in ihre Ausstellungsästhetik, auch wenn die Schalen nachher liegen blieben. Wenn Michaela Zimmer während de Projektes "VK 88" einen Handtuchhalter (von Minol) in de Damentoilette installiert, ist das für sie Kunst. Wenn de Hausmeister diesen abbaut und zu einem Informationsständen für Programmhefte umfunktioniert, ist das für mich eine Interaktion zwischen Repräsentanten verschiedene. Bevölkerungsgruppen. Beide verletzten den gegenseitigen Kontext und der Handtuchhalter blieb ein Handtuchhalter Bis heute sind Künstlerin wie Hausmeister irritiert, weil eine Vermittlung von Bedeutung und Erfahrung, Ansicht und Nutzen nicht erfolgte. Die Kunst in den öffentlichen Räumen des Parkhaus wurde zur öffentlichen Kunst, der jeder au seine Weise begegnete. In dieser Mobilität liegt ein große Reiz, der praktisch überhaupt nicht einzigartig ist, weil er so praktisch ist, auch ohne globales Netzwerk. Lieber Longest, es bleibt ja trotzdem so, daß selbst in der Damentoilette Präsentationszonen geschaffen werden können. Der Kunst ist es egal, bloß dem Publikum eben nicht, das ravet noch im E-Werk

Die Notwendigkeit von Ausstellungen muß eben immer wieder definiert werden.

Viele Grüße 
Ute Tischler

Ute Tischler übernahm, nach dem Umzug von Longest F Stein die Leitung der Galerie im Kulturhaus, dann Parkhaus und leite sie bis zu ihrer Schliessung durch die Bezirksverwaltung.

 

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