Vorwort

 

Dieses Buch ist der Geschichte einer Berliner Galerie gewidmet.
Es ist eine Art Spurensicherung dessen, was von dieser Geschichte heute im Raum steht.
Als "Galerieklub", "Galeriecafé", letztendlich "Galerie Treptow im Kreiskulturhaus" schrieb sie einen wesentlichen Teil der Photographiegeschichte der DDR der zweiten Hälfte der 80er Jahre, begleitete die jüngere Generation bei der Gewinnung eines neuen Selbstverständnisses von künstlerischer Artikulation.

Die "Geburt' dieses Ortes in den 70-ern läßt sich heute, anhand der wenigen erhaltenen Dokumente, schwer rekonstruieren. Namen wie der des  Jugendklubs Pablo Neruda "Der Kahn", wie die von Peter Möller Michael Pommerening, Wolfram Schulze, Conny Jentzsch verbinden sich mit ihren Anfängen. Die Geschichte dieser Galerie ist nicht abgeschlossen. 1991 zog sie um, in das von Constanze Albrecht geleitete "studio bildende kunst - baumschulenweg". Ihr Konzept nahm sie mit in die neuen Räume, in denen anfänglich die von Constanze Albrecht und die von Longest F Stein konzipierten Ausstellungen parallel zueinander und anschließend in abwechselnder Verantwortung gezeigt wurden.

In diesem Buch sind - der Traditionslinie der Galerie Treptow folgend - ausschließlich die von Longest F Stein initiierten und betreuten 
Präsentationen berücksichtigt worden. Von Anbeginn verstand sich diese Galerie als Ort der Kommunikation und als Podium für junge Kunst. Ausstellungsgespräche, Vorträge, Konzerte, Lesungen, Theater-und Puppentheatervorstellungen begleiteten das Programm.

An der Peripherie Ostberlins gelegen, trafen sich hier zu solchen Anlässen 18- bis 40-jährige aller Berufe und sozialer Gruppen. In diesem Sinne schrieb die Galerie ebenso Kultur- wie Kunstgeschichte, auch wenn sie sich in die Erinnerung vor allem als Galerie für Photographie eingeschrieben hat. Gundula Schulze, Michael Brendel, Rainer Görß, Else Gabriel (jetzt TWIN e. Gabriel), Tina Bara, Kurt Buchwald, Florian Merkel, Maria Sewcz, Jörg Knöfel (jetzt York der Knofel), Bernd Borchardt und viele andere zeigten hier ihre ersten Ausstellungen. Im Dokumentationsteil dieses Buches finden sich viele andere Namen, die heute noch im Gespräch sind. Er vermittelt außerdem einen Eindruck vom kulturellen Umfeld dieser Jahre.

Dieses Buch kann keine vollständige Dokumentation sein. In seinem fragmentarischen Charakter will es den Versuch unternehmen, einen Eindruck der Auseinandersetzungen dieser Zeit zu vermitteln, Spuren in die Vergangenheit zu legen, deren systematische Aufarbeitung noch aussteht. Es mag sein, daß es dafür noch zu früh ist. Noch sind die Zeugen und Protagonisten dieser Zeit damit beschäftigt, sich eine neue Gegenwart zu erschließen. Keiner der Texte wurde nachträglich überarbeitet.

Die hier abgedruckten Beiträge von Gabriele Muschter und Wolfgang Kil (beides Manuskripte zu in der Galerie gehaltenen Dia-Vorträgen) reagieren aufeinander Sie spiegeln, in und trotz ihrer unredigierten Form, das vitale Bedürfnis nach Auseinandersetzung wider. Sie beschreiben die Art und Weise, wie dem Mangel an Publikationsmöglichkeiten mit der Öffentlichkeit des Galerieraums begegnet wurde und dokumentieren den Stand der Diskussion der Jahre 1986/87.

Dieses Buch ist eine Materialsammlung. Sollte es ihm gelingen, eine Basis für tieferreichende Auseinandersetzungen zu bieten, wäre ein Anfang getan.

Longest F. Stein

 

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