Katalogtext Westzeitstory

 

Eine westdeutsche Milieustudie

Blick auf die soziale Wirklichkeit

 

Der Fotograf Bernd Lasdin lebt und arbeitet in Neubrandenburg/Mecklenburg-Vorpommern. Bereits zu DDR-Zeiten hat der ehemalige Pressefotograf damit begonnen, als Freischaffender zu wirken, seine Themen und Motive unabhängig von Auftraggebern auszuwählen, eine eigene Bildsprache zu entwickeln. Neben zahlreichen Ausstellungen und Projekten hat er in jüngster Zeit gleich zwei Bildbände vorgelegt, die sein Schaffen in besonderer Weise dokumentieren: Der hier vorliegende Band „Westzeit-Story“ mit Fotos von Menschen aus Flensburg und die thematisch identische „Zeitenwende“* mit Fotos aus Neubrandenburg und Umgebung.

Fotodokumentation als Podium zur
Selbstdarstellung

Beiden Fotoprojekten liegt eine identische Konzeption zugrunde, denn Bernd Lasdin war von der Idee geleitet, Portraits und Selbstdarstellungen von Menschen aus unterschiedlichen sozialen Milieus zu zeigen. Hatte er dies in den Jahren 1986 bis 1989 zunächst in seiner unmittelbaren Umgebung in Neubrandenburg realisiert, so machte er sich bereits 1989 - also noch vor der endgültigen politischen Wende in der DDR - auf nach Flensburg, um dort gleiches durchzuführen. Er suchte Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten auf und bat sie darum, sie zu Hause an ihrem Lieblingsplatz porträtieren zu dürfen. Die Inszenierung war somit unmittelbar den Betroffenen überlassen, eben so die Anfertigung eines schriftliche Kommentars auf einem Originalabzug der später zu Ausstellungszwecken verwendet werden sollte. Bernd Lasdin bot damit ein offenes Podium zur Selbstinszenierung. Seine gestalterische Arbeit lag im Detail, in der Wahl des Bildausschnitts und in der Art und Weise, wie der Hintergrund mit Accessoires der Wohnungseinrichtung sichtbar gemacht worden ist. Auf Ausschnittsvergrößerungen hat er verzichtet, alle Fotos sind unmittelbar im Kamera-Sucher gestaltet worden. Die Beteiligten wußten davon, daß eine Ausstellung oder ähnliches entstehen würde, sie hatten für ihre Selbstpräsentation also eine (diffuse) Öffentlichkeit vor Augen.

Kameraperspektive als >soziologischer Blick<

Mit seinem Vorgehen nähert sich Bernd Lasdin der Sichtweise einer moderne Soziologie, die an der Analyse von Alltagsphänomenen interessiert ist. Die Vielfalt der Lebensstile und Orientierungen in der »individualisierten« Gesellschaft wird in verschiedenen Milieus durch typische Zeichen und Symbole zum Ausdruck gebracht: durch Sprache, Kleidung, Konsumartikel, Freizeitaktivitäten, Lifestyle, Jugendkultur. Nach der Auffassung führender Soziologen besteht eine Hauptaufgabe der Menschen - neben der materiellen Absicherung - heute gerade darin, sich eine unverwechselbare Identität anzueignen und sich dadurch sozial zu integrieren. Demnach sind die verwendeten Zeichen und Symbole eine Art Code, der uns zu den Einstellungen und Orientierungen von Menschen führen kann, sofern wir diese zu entschlüsseln in der Lage sind.Bernd Lasdins Dokumentation »Westzeit-Story« beschreitet (genauso wie die »Zeitenwende«) diesen Weg, die Menschen mit ihren selbstgewählten Zeichen und Symbolen zu präsentieren. Die Betroffenen inszenieren sich inmitten ihrer privaten Umgebung mit Lieblingsaccessoires, teilweise auch zusammen mit den ihnen nahestehenden Menschen.

Die Textebene eröffnet eine weitere Dimension. Es sind kurze Statements verfasst worden, die Lebensweisheiten, Orientierungen, Wünsche und Träume enthalten, die aber auch als Lebensbilanzen, politische Kommentare, als Belege von Schicksalsschlägen oder Anklagen an die Gesellschaft zu verstehen sind. Wir finden zudem Angaben Name, Alter und Beruf, die eine unge- fähre Einordnung des sozialen Status ermöglichen. Aus der Kombination aller Informationsebenen ergibt sich ein schillerndes und vielfältiges Bild sozialer Wirklichkeit.

Lebensgeschichten in der
Momentaufnahme

Mit der Zeitebene »10 Jahre später« erschließt Bernd Lasdin dann eine weitere Dimension. Es ist sicher nicht einfach gewesen, die Beteiligten nach so langer Zeit aufzufinden und das Procedere zu wiederholen. Aber es ist eine wertvoll Idee. Denn auf diese Weise werden Lebensgeschichten erkennbar, die mit Schicksalsschlägen, mit Altern und Einsamkeit, mit Beständigkeit und Lebens- freude, mit enttäuschten Erwartungen, mit Beziehungskrisen, mit sozialem Aufstieg, mit Familiensinn oder auch mit >Marotten< verbunden sind. Es wird auch Bilanz gezogen, nicht immer positiv, es entsteht also der Eindruck eines mehr oder weniger erfolgreich bewältigten Lebens.

Diese Vielfalt zeigt, mit welchen Chancen und Risiken die heutige soziale Wirklichkeit verbunden ist. Die von Bernd Lasdin festgehaltenen Momentaufnahme von Lebensgeschichten in der »Westzeit-Story« entsprechen bis zu diesem Punkt denen in der "Zeitenwende".

»Westzeit-Story« - ein Dokument sozialer Ungleichheit

Bei näherer Betrachtung wird dann allerdings offenkundig, daß der Blick auf die Menschen in Flensburg auch die soziale Ungleichheit in Westdeutschland dokumentiert. Dieser Eindruck entsteht durch die Eindringlichkeit der Bilder und Textbotschaften aus denen die Enttäuschung, das Scheitern oder die Perspektivlosigkeit der Beteiligten spricht. Es mag sein, daß der Fotograf Lasdin - 1989 aus der noch bestehenden DDR kommend - zunächst besonders auf die Auffälligkeiten der West-Gesellschaft reagiert hat: Arbeitslosigkeit, Prostitution, Suchtprobleme. Doch die Auswahl der dargestellten Menschen und Milieus hält einer kritischen Überprüfung stand, denn wir finden genügend Beispiele auch aus gesicherten, geordneten und wohlhabenden Verhältnissen, die den anderen, den situierten Teil der westdeutschen Gesellschaft repräsentieren. Dennoch gehen manche Porträts unter die Haut, erst recht im Zeitenvergleich, wenn sich Schicksale fortgesetzt und negative „Karrieren“ dynamisiert haben. Dies trifft beispielsweise für die Prostituierte zu, deren Kinder teils verstreut (vielleicht in Heimen oder bei Pflegeeltern) leben und von denen eine Tochter inzwischen heroinabhängig geworden ist, die ihren Mann, der vor zehn Jahren noch mit auf dem Foto abgebildet ist, nicht erwähnt: All dies läßt schwere Lebenskrisen vermuten. Nicht minder bedrückend sind andere Schicksale, die von Alkoholismus gekennzeichnet sind und wo Kinder gleichfalls in die Drogenabhängigkeit geraten sind. In der »Westzeit-Story« wird deutlich, wie sich die Gesellschaft der alten Bundesländer mit den Phänomenen sozialer Ungleichheit eingerichtet hat. So verwundert es nicht, daß sich die Betroffenen öffentlich zu ihrem Schicksal bekennen und ihre Lebensumstände thematisieren. Wo könnten sie es sonst tun? Vergleichbares finden wir in der »Zeitenwende« nur am Rande, und hier vor allem in den mecklenburgischen Landarbeiter-Milieus.

Andere Schicksale machen weniger betroffen und erscheinen eher als „natürlich“, dies im Falle von zunehmendem Alter, verbunden mit Einsamkeit, Krankheit und körperlichem Verfall - auch das zeigt Bernd Lasdin - bis hin zum Tod.

Identitätssuche in der individualisierten Gesellschaft

Viele Fotografien in Bernd Lasdins Dokumentation vermitteln einen Eindruck von den Lebenskrisen und Problemen bei einer mehr oder weniger erfolgreichen Identitätssuche gerade unter jüngeren Menschen. Der Soziologe Ulrich Beck spricht von der nachlassenden Bedeutung sozialer Bindungen und traditioneller Orientierungen, von der Notwendigkeit, sich Lebensorientierungen selbst aneignen zu müssen. Lasdin verdeutlicht dies in seinem Bildband. Da ist zum Beispiel der junge Musiker, der 1989 von Selbstzweifeln über seine angestrebte Karriere geplagt ist, der zehn Jahre später ähnlich sensibel wirkt und schriftlich die Darstellung eines komplizierten (postfamilialen) Erziehungsmodells in den Mittelpunkt stellt. Hier betont er seine Verantwortungsbereitschaft für das Kind, obwohl die Bemühungen durch eine offenbar gescheiterte Partnerbeziehung zur Mutter erschwert werden, gleichzeitig klingt ein gewisser Anspruch auf das Vorbildhafte dieser Bewältigungsstrategie an.Die Suche nach Beziehungen und neuen Partnerschaftsmodellen, gleichzeitig auch die Schwierigkeit, diese dauerhaft leben zu können, kennzeichnet ihn ebenso wie viele andere. Die mehr oder weniger befriedigenden Lebensmodelle, ein ständiges Ausprobieren in einer quasi verlängerten Jugend, das ist Realität für viele Protagonisten dieses Bandes. Einer formuliert es - vielleicht stellvertretend für andere - so: »Ich bin auf meinem Weg!«

Die nachlassende Verbindlichkeit von traditionellen Wertorientierungen, die damit verbundenen Verunsicherungen, die Spielräume für Experimente und alternative Lebensmodelle, die besonderen Anstrengungen zur Selbstfindung also, sie sind ein Kennzeichen der westdeutschen Gesellschaft gewesen. In der Mangelwirtschaft der ehemaligen DDR waren verläßliche Familien- oder Sozial- beziehungen wichtig für die Alltagsorganisation und auch für die Pflege gesellschaftlicher Nischen. Beziehungs und Identitätskrisen werden in der »Zeitenwende «daher noch weit weniger thematisiert als im vorliegenden Bildband.

Beständigkeit und Familiensinn

Es könnte der Eindruck entstehen, Bernd Lasdin habe überwiegend negative Dokumente aus dem Leben in Flensburg gesammelt. Dem ist nicht so, denn in vielen Selbstpräsentationen stehen eine gelungene Lebensbewältigung, gewachsene Zuversicht, bewahrter Lebensmut im Vordergrund. Dabei protzen die »Wessis« auch nicht mit ihrem Wohlstand, jedenfalls nicht mehr als die »Ossis« in der »Zeitenwende«. Vielmehr wird Familiensinn und Zusammenhalt in den Vordergrund gestellt, scheinen langjährige Ehen oder Partnerschaften gerade im Alter (neben Gesundheit!) eine wichtige Grundlage für Zufriedenheit zu sein, werden also weitgehend die Grundwerte einer bürgerlichen Gesellschaft bestätigt.

Hier gleichen sich die Bilder in Ost und West. Die Familie scheint - systemübergreifend - als Hort der Geborgenheit überlebt zu haben und vielen Menschen Sinn, Rückhalt und Orientierung zu geben. Die Beobachtung ist nicht zu unterschätzen, daß Familienorientierung auch in den modernen Gesellschaften Bestand hat, vielleicht sogar unter den erschwerten Zukunftsaussichten eine Aufwertung und Renaissance erfährt. Daß es zugleich viel schwieriger geworden sein dürfte, die Familie unter dem Einfluß von Individualisierungstendenzen zusammenzuhalten, zeigen die Beispiele aus diesem Bildband, in denen sie auseinandergebrochen ist.

Beständigkeit zeigen einige andere Portraitierte wiederum, wenn sie in sozialem und kirchlichem Engagement Erfüllung finden und wenn ihnen Hobbys Lebenssinn geben. Außenseiter hingegen praktizieren ein Überleben in gesellschaftlichen Nischen oder Pflegen ihre>Macken< und sichern dadurch ihre Identität. All diese Fälle sind in Bernd Lasdins fotogratischen Studien ebenfalls zu finden. 

Resumee

Die „Westzeit-Story“ beeindruckt also durch vielfältige Einblicke in die soziale Wirklichkeit Westdeutschlands. Viele >Lesarten< dieser Bilddokumente sind möglich. Vielleicht erweitern sie bei manchem Betrachter den Horizont hinsichtlich einer bislang weniger bekannten Realität. Andere mögen sich in den abgebildeten Schicksalen, Lebenssituationen und Zukunftswünschen wiederfinden. Sicher schafft dieser Bildband auch Betroffenheit und macht nachdenklich, weil vieles gezeigt wird, was wir ansonsten gern verdrängen, wenn wir dem Wunschdenken von einer heilen Welt mit einer bausparvertraglich abgesicherten Zukunft anhängen, wenn die schillernde Welt der Medien, des Konsums und Lifestyles eben jene andere Wirklichkeit verdeckt.

Ein Vergleich beider Bildsequenzen aus West- und Ostdeutschland zeigt, daß sich - insgesamt gesehen - die Lebenswelten in Westdeutschland, wie sie in der »Westzeit-Story« dargestellt werden, von denen in Ostdeutschland im Bildband »Zeitenwende«* gar nicht so sehr unterscheiden. Und die Bilder werden sich vermutlich auch immer stärker angleichen.

Burkhard Hill
Dr. phil., Professor für Medienpädagogik an der
Fachhochschule Neubrandenburg

*Zeitenwende. Portraits aus Ostdeutschland 1986-1999, Photographien von Bernd Lasdin, Bremen, Edition Temmen, 1998, 128 Seiten

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