Zeitenwende

 

Eine ostdeutsche Milieustudie

Bernd Lasdin zeigt im vorliegenden Band Photographien von Menschen aus dem Nordosten Deutschlands, die in zwei verschiedenen Zeitabschnitten aufgenommen wurden. Die erste Bildreihe entsteht unmittelbar vor der politischen »Wende« in der DDR und ermöglicht - damals ungewöhnlich -Selbstinszenierungen von Menschen in unterschiedlichen Milieus und Lebenszusammenhängen. Aus allen gesellschaftlichen Schichten, vom einfachen Landarbeiter bis zum politischen Funktionär, reicht das Spektrum, aus dem eine überraschende Vielfalt an Lebensorientierungen und Lebensstilen erkennbar wird. Dies bringt Lasdin noch zu »DDR-Zeiten« von offizieller Seite die Kritik ein, er zeige ein verfälschtes Bild der Gesellschaft. Nur unter besonderen Anstrengungen gelingt es, eine öffentliche Ausstellung zu organisieren.

Der soziologische Blick

Zehn Jahre nach der »Wende« sucht Bernd Lasdin seine Protagonisten wieder auf, um sie erneut am Lieblingsort zu portraitieren und zu einem schriftlichen Selbstzeugnis zu bewegen. Mit sozialwissenschaftlichem Gespür erkennt er den Wert seines vorhandenen Bildmaterials als Grundstock für eine vergleichende Studie. Durch die Mitwirkung der Personen, die auch an der ersten Serie beteiligt waren, gelingt ihm ein einmaliges Dokument, das vielfältige, teils intime, teils bewegende Einblicke in die Bewältigung der »Wende« durch die Portraitierten gewährt. Die sensible Darstellung läßt den Betrachter zu keinem Zeitpunkt in die Rolle des Voyeurs schlüpfen, sie wahrt die Integrität der Beteiligten. Keiner muß sich entlarvt, vorgeführt oder denunziert fühlen. Daß die Betroffenen schließlich selbst die Bildunterschriften anfertigen, rückt sie einmal mehr in den Mittelpunkt, gibt ihnen eine weitere Chance zur Selbstäußerung, deren Thematik von ihnen bestimmt wird.

Selbstplazierungen

Die Chance zur Selbstpositionierung in Bild und Text wird in unterschiedlicher Weise genutzt. Wir sehen Menschen, bei denen es scheint, als nutzten sie diese Gelegenheit wie jede andere, ihren sozialen Status mit Stolz zu präsentieren, sowohl vor als auch nach der »Wende«. Wir treffen auf andere, bei denen die Verwunderung darüber deutlich wird, daß sich überhaupt noch jemand für sie interessiert. Wir verspüren die drückende Last der Einsamkeit ebenso wie die Fähigkeit einzelner, Schicksalsschläge zu verarbeiten. Auch Unbeweglichkeit wird dokumentiert, Menschen, die jeder äußeren Veränderung widerstehen, in deren Leben sich seit Jahren nichts mehr verändert zu haben scheint.

Bernd Lasdins Thema sind Bewältigungsstrategien. Wie haben die Menschen die »Wende« individuell gestaltet, überlebt, erlebt? Er läßt sich die Beteiligten dazu selbst äußern, indem er ihnen die Bildregie und auch die Gestaltung des schriftlichen Kommentars überläßt. Der Photograph legt zwar unvermeidlich den Bildausschnitt fest, stellt ansonsten aber „nur“ das Material zur Verfügung, das durch den Betrachter interpretiert werden muß. Bernd Lasdin realisiert einen dokumentarischen Anspruch, der in der Photographie eine lange Geschichte hat.

Bewegende Dokumente

Die Durchsicht der Photographien wird zum Anlaß für Erinnerungen, läßt die vergangenen, bewegten Jahre wieder lebendig werden, weckt Assoziationen an teils schon vergessene »DDR-Zeiten« und schafft Betroffenheit angesichts der Schicksale: Einsamkeit, Scheitern, enttäuschte Hoffnungen und Erwartungen, aber auch positive Entwicklungen, Neubeginn, genutzte Chancen.

Die Nähe der Photographien zum tatsächlichen Erleben der Betrachter wird besonders in Ostdeutschland deutlich. Die Menschen haben jeweils in unterschiedlicher Art und Weise an ihren Biographien arbeiten müssen, um den gesellschaftlichen Wandel zu verkraften. Und sie finden sich offenbar mit ihren Erfahrungen in der Darstellung Bernd Lasdins wieder.

Gewinner und Verlierer

Verlierer sind jene Menschen, die ihre Orientierungen, ihre Arbeit oder ihre sozialen Beziehungen verloren haben. Daneben finden wir die Beharrlichen, man mag sie als die "ewig Gestrigen« oder als die »Ungewendeten« bezeichnen, jene also, die mit Stolz von sich selbst sagen, trotz aller Veränderungen ihre Identität gewahrt zu haben. Gerade hier mögen sich die Geister scheiden, denn was für die einen erstrebenswerte Wahrung der Identität ist, bedeutet für die anderen ein Festhalten an überkommenen Idealen. Daneben werden Menschen gezeigt, denen der Verlust von Nahestehenden ein entscheidender Einschnitt im Leben war, wogegen alle äußeren, gesellschaftlichen Veränderungen offensichtlich verblassen.

Lasdins Photographien lösen also Unterschiedliches aus: Wiedererkennen, Betroffenheit, Identifikation, Abwehr und kontroverse Diskussionen. Sie spiegeln die Vielfalt der Lebensrealität und verzichten darauf, ein geschöntes Bild zu zeigen. Dies löst vereinzelt bereits wieder Kritik aus, die durchaus ähnlich schon vor der Wende formuliert wurde: Lasdins Sichtweise sei subjektiv, negativ , spiele Erfolge herunter, präsentiere überwiegend Randerscheinungen.

Verunsicherung und Anpassungsleistungen

Die Verunsicherungen in vielen Lebensbereichen, welche die „Wende“ in Ostdeutschland verursacht hat, kann nur nachvollzogen werden, wenn man sich auf die dortigen Lebensbedingungen einläßt. Die Veränderungen der gesamten Alltagswelt bleiben spürbar, die enormen Anpassungsleistungen der Menschen im ökonomischen, politischen und kulturellen System ebenso.

Selbst die neuen Konsummöglichkeiten schaffen Verwirrung. Viele Betroffene schildern nach der anfänglichen Faszination eine Phase großer Orientierungslosigkeit, da viele Erfahrungswerte gegenstandslos geworden sind. Der tägliche Alltagskonsum absorbiert durch neue Produkte, neue Verpackungen, neue Preise zunächst ein erhebliches Maß an Aufmerksamkeit.

Neue Orientierungen

Tiefgreifender waren und sind sicherlich die Zukunftsängste. Zentral ist das Problem der materiellen Sicherung, das bislang für viele nicht geklärt ist. Tatsächlich erreichen einige Landstriche leicht eine Quote von 40% der Erwerbsfähigen, die in ihrer materiellen Existenz unmittelbar bedroht sind, denen damit auch der Zugang zu sozialer Anerkennung und sozialen Beziehungen erheblich erschwert ist.

Mit dem Wandel in den Lebensverhältnissen und Orientierungen sind auch viele Freundschaften und Beziehungen zerbrochen, weil neue Orientierungen auch neue Lebenswege freilegten, die dann oft unerwartet auseinandergingen.

Orientierungsprobleme gibt es auch in Hinsicht auf politische Partizipation. Es fehlt an Traditionen und Erfahrung mit Organisationen, mit demokratischen Willensbildungsprozessen, mit Persönlichkeiten, denen Verantwortung übertragen werden kann. Es fehlt auch die Erfahrung, selbst politische Verantwortung zu übernehmen. Politische Parteien, Wohlfahrtsverbände, Jugendorganisationen müssen daher sehr viel investieren, um ehrenamtliches und gemeinnütziges Engagement zu fördern, etwas, das übrigens auch in Westdeutschland keine Konjunktur mehr hat: Politikverdrossenheit und Rückzug ins Private sind gesamtdeutsche Themen, in Ostdeutschland jedoch ohne Vergleichserfahrungen.

Individualisierung

Bernd Lasdin präsentiert zu all den eben skizzierten Phänomenen Beispiele. Er hat einen Blick >von innen heraus<, da er selbst die »Wende« durchlebt und seine Umgebung mit wachem Auge betrachtet hat. Auf diese Weise ist er zu seiner treffsicheren Auswahl an Protagonisten quer durch alle Schichten und Milieus gelangt. Schon zu »DDR-Zeiten« entwickelte er ein Gespür dafür, daß sich unterhalb des offiziellen Gesellschaftsbildes bereits »Individualisierung« nach globalen Vorbildern breitmachte, wie sie z.B. durch die Gesellschaftswissenschaftler Pierre Bourdieu (Frankreich) und Ulrich Beck (Westdeutschland) beschrieben wurde. »Individualisierung« heißt: Traditionelle Lebenswege und Orientierungen verlieren an Verbindlichkeit. Berufliche Karrieren heute verlangen Mobilität und Flexibilität anstelle von Seßhaftigkeit und Traditionsbezug, anstelle von Orientierung an Familie, Heimat und anderen Werten. Die Sinn- und Identitätssuche wird an neuen, medienvermittelten Orientierungsmustern ausgerichtet und findet - mangels beruflicher Sicherheit und Erfüllung vielfach im Freizeitkonsum, in der Ästhetik der Lebensstile statt. Neuere soziologische Studien entwerfen daher ein entsprechendes Gesellschaftsbild, das quer zum »Oben« und »Unten« eines Schichtenmodells die Bedeu-tung alltagskultureller Milieus nachweist. Bezogen auf die nachfolgenden Photos: die Geweihe an der Wohnzimmerwand des Funktionärs symbolisieren beispielsweise eine andere Lebenswelt als die Bücherwand des Intellektuellen. Diese Symbole können heutzutage angeeignet werden, was die neu-en sozialen Milieus von den herkunfts-abhängigen Gesellschaftsstrukturen früherer Zeiten und Jahrhunderte erheblich unterscheidet.

Damit sind Symbole der Selbststilisierung zum Gegenstand der Gesellschaftsanalyse geworden. In Bernd Lasdins Arbeit rmden wir dies wieder: Der Lieblingsort in der Woh-nung ist eine von dem Betroffenen bewußt gestaltete Umgebung, seine Kleidung beim Fototermin ist bewußt gewählt, das schriftli-che Selbstzeugnis Ergebnis einer Selbst-reflexion. Dort, wo all dies nicht geschieht, spürt der Betrachter, daß die Betroffenen es aufgegeben haben, ihr Leben aktiv zu gestal-ten. Moderne Gesellschaften sind heterogen, plural in den Lebensstilen und Identitätsan-geboten. Lasdin zeigt dies in der gesamten Bandbreite.

Aufforderung zur Beteiligung

Die Photos in Kombination mit schriftliche Selbstzeugnissen wirken wie eine längst fällige Aufforderung an die Beteiligten, sich selbst ins Bild zu setzen und sich selbst zur Sprache zu bringen. Darin besteht ein besonderer Verdienst von Bernd Lasdin, denn die Menschen in Ostdeutschland haben oft das Gefühl, daß über ihre Köpfe hinweg agiert und entschieden wird. Seine Photos dokumentieren nicht nur eine neue Aufinerksamkeit, sich anhand von Lebensgeschichten und Schicksalen mit der gesellschaftlichen Realität auseinanderzusetzen, sie fordern auc dazu auf, sich persönlich einzubringen, 0rientierungen und Perspektiven mit andere zu diskutieren. Dies ist ein erster und ermutigender Schritt zur Partizipation, etwas, das in Ostdeutschland keine lange Tradition hat und - gesamtdeutsch gesehen - aufgrund verkrusteter Strukturen vielfach verloren zu gehen droht. Es ist ein vielversprechender Ansatz, da er das thematisiert, was die Menschen in ihrem Alltag bewegt und damit die Diskussion um die aktive Gestaltung der Lebensrealität in Gang bringt, gleichgültig ob in Ost oder West!

Burkhard Hill
Dr. phiL, Professorfür Medienpädagogik
derFachhochschule Neubrandenbu

 

Literatur:
Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Frankfurt/Main 1986
Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Frankfurt/Main 1982
Flaig, Meyer, Ueltzhöffer: Alltagsästhetik und politische Kultur. Bonn 1994
Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft. Frankfurt/Main, New York 1993

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